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Mehr als Business: Was zehn Tage im Senegal über Partnerschaft und Verantwortung gezeigt haben

Kaum aus dem Flugzeug gestiegen, war Daniels Führerschein schneller verschwunden, als wir «Bonjour, Monsieur l'Agent» sagen konnten. Der Grund: Falschparken. Ein Klassiker. Es folgte eine Stunde freundlicher Verhandlungen mit der Polizei, mit Small Talk, Gelächter, Geduld und einer Busse von 3'000 CFA. Am Ende hatten wir fast das Gefühl, uns bereits persönlich zu kennen.


Das war Tag eins. Und irgendwie gab dieser Moment bereits den Ton für alles vor, was danach kam.


Vom 29. April bis zum 9. Mai reisten mein Kollege Loïc und ich durch den Senegal. Von der Küste bei Dakar führte uns die Reise über die Casamance bis tief in die ländlichen Regionen rund um Bignona und Diouloulou. Wir waren dort, um Landwirte und Unternehmer zu besuchen, die im Rahmen unserer langjährigen Partnerschaft mit der Schweizer NGO Sénégalité unterstützt werden.


Was wir mit nach Hause nahmen, lässt sich jedoch nur schwer in einem Bericht zusammenfassen. Es war eine neue Erinnerung daran, wie langfristiges Engagement tatsächlich aussieht und was Führung bedeutet, wenn man die Infrastruktur wegnimmt, die für viele von uns selbstverständlich ist.


Foto: Loïc und Daniel beim Aufbruch in Zürich, unterwegs ins Unbekannte.

 

Warum wir immer wieder zurückkehren

Swiss Interim Management unterstützt das Mikrokreditprogramm von Sénégalité im Senegal seit mehr als zehn Jahren. Das Modell ist erstaunlich einfach: Junge Absolventinnen und Absolventen des Lycée Technique Agricole Emile Badiane in Bignona reichen einen Geschäftsplan ein, erhalten ein zinsloses Darlehen für den Aufbau ihres eigenen Betriebs und zahlen dieses später zurück. Die Mittel fliessen anschliessend in die Finanzierung der nächsten Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern.


Keine Abhängigkeit von Entwicklungshilfe. Keine Geschenke. Bildung, Unternehmertum und schliesslich Eigenständigkeit.


Wir kehren zurück, weil wir sehen wollen, was über die Jahre tatsächlich entsteht. Nicht die Eröffnung, nicht die Medienmitteilung, sondern die Realität nach fünf, acht oder zehn Jahren. Genau das hat uns diese Reise gezeigt.

 

Raymond und echte Gastfreundschaft


 

Foto: Besuch in Mbissel – Gastfreundschaft und Alltag auf dem Hof von Raymond Kaling

 

Unser erster Hofbesuch führte uns zu Raymond Kaling in Mbissel, südlich von Dakar. Er empfing uns beim heiligen Baobab, einem Baum von solcher Grösse und Geschichte, dass man automatisch leiser spricht. Anschliessend führte er uns auf seinen Hof.


Kein Dekor. Kein Aufwand. Couscous und Fisch, serviert von einer Familie, die sich offensichtlich auf unseren Besuch gefreut hatte. Am Abend stiessen Raymonds Frau Emilie und ihre Söhne in Mbour zum Abendessen dazu. Gelächter, Nähe und dieses seltene Gefühl, nicht einfach Gast zu sein, sondern beinahe zur Familie zu gehören.


Raymond zeigte uns auch sein halb fertiggestelltes Haus. Das Dach ist etwa zur Hälfte abgeschlossen. Für die Fertigstellung werden rund 630'000 CFA benötigt. Er erzählte uns davon ruhig und direkt, ohne Pathos und ohne Erwartungen. Einfach: So sieht die Situation heute aus.


Diese Ehrlichkeit begegnet einem im Senegal immer wieder. Schwierigkeiten werden nicht beschönigt und nicht hinter grossen Worten versteckt.

 

42 Grad und eine Unternehmerin, die ihren Betrieb über WhatsApp führt

 


 

Foto: Begegnungen in Fissel – Menschen, Tiere und Alltag auf dem Land.

 

Unser nächster Halt war der Betrieb von Khady Saar in Fissel. Bei 42 Grad. Khady selbst war an diesem Tag in Dakar, aber über WhatsApp war sie jederzeit präsent. Sie beantwortete Fragen, führte uns über das Gelände und kannte jedes Detail ihres Betriebs.


Ihre Bedürfnisse waren klar formuliert: Solarpanels, eine Tiefkühltruhe und eine leistungsfähigere Pumpe. Keine grossen Projekte, sondern konkrete Investitionen. Sie wusste genau, was sie benötigte und welchen Unterschied diese Verbesserungen machen würden.


Diese Klarheit haben wir überall angetroffen. Niemand wartete darauf, Anweisungen zu erhalten. Es sind Unternehmerinnen und Unternehmer, die unter Bedingungen arbeiten, die viele von uns als kaum vorstellbar empfinden würden, und dennoch funktionierende Betriebe führen.


 

Foto: Abschied von Khady Saar und ihren Schwestern.

 

 

Die Schule hinter der Geschichte


 

Foto: Direktor Ibrahima Abdoul Aziz Ficou vom Lycée Technique Agricole Emile Badiane.


Bevor wir tiefer in die Casamance weiterreisten, besuchten wir das Lycée Technique Agricole Emile Badiane in Bignona. Diese Schule bildet das Herzstück des gesamten Modells. Direktor Ficou empfing uns mit spürbarer Freude und führte uns durch die verschiedenen Einrichtungen.


Die Anlage zur Milchverarbeitung war einfach und improvisiert. Feuerstellen am Boden. Minimale Ausrüstung. Und dennoch funktionierte sie. Vor allem aber war sie echt. Die Schülerinnen und Schüler lernen hier unter denselben Bedingungen, die sie später auch in ihrem Berufsalltag antreffen werden. Es gibt keine Labors, die die Realität einfacher erscheinen lassen, als sie tatsächlich ist.


Später trafen wir Ibou Diedhiou, den Gründer und ehemaligen Direktor der Schule. Heute ist er pensioniert und bewirtschaftet seine eigene Obstplantage. Er studierte Ingenieurwissenschaften in Toulouse, Montpellier und Dijon. Er hat die Welt gesehen und sich dennoch bewusst entschieden, hier etwas aufzubauen.


Allein dieser Entschluss verdient Respekt.


 

Foto: Das Lycée Technique Agricole Emile Badiane und die Lebensmittelverarbeitung.

 

Boubacars Hof: Schweizer Ordnung im senegalesischen Busch


 

Foto: Besuch nahe Diouloulou – hier mit Fatou, der Schwester von Boubacar Goudiaby.

 

Wenn ein einzelner Besuch zeigen konnte, was dieses Programm über die Jahre hinweg bewirken kann, dann war es der Hof von Boubacar Goudiaby bei Diouloulou.


Er erwartete uns auf seiner roten Maschine an der Hauptstrasse, direkt hinter vier Bodenschwellen, und führte uns durch den Busch zu seinem Betrieb. Bereits bei der Ankunft war sein Stolz spürbar. Und er hatte allen Grund dazu.


Drei Hektaren mit Orangen, Mandarinen und Papayas. Eine solarbetriebene Bewässerungsanlage. Ein neues Gebäude mit Laden und Lagerraum. Ein Praktikant. Alles sauber, gepflegt und organisiert. Einer aus unserem Team bezeichnete es als schweizerische Ordnung mitten im senegalesischen Busch. Und das ist keine kleine Aussage.


Zum Abschied schenkte uns Boubacar einen grossen Sack Früchte für die Weiterreise.


Es gibt ein Wort für das, was Boubacar verkörpert, das über den üblichen Begriff von Erfolg hinausgeht. Es ist Würde durch Eigenverantwortung und Eigentum. Er hat sich das selbst aufgebaut. Es gehört ihm. Der Mikrokredit war lediglich der Anfang. Was danach folgte, waren zehn Jahre voller Entscheidungen, harter Arbeit und Disziplin.


 

Foto: Einblick in die Felder, die Bewässerung und die Organisation des Betriebs.

 

Abdina: Mit dem Fahrrad aus Gambia und ein Hühnerstall, der bereits bereitsteht


 

Foto: Alltag auf dem Hof von Abdina Diédhiou – Tiere, Arbeit und Familienleben.

 

Boubacar führte uns anschliessend noch tiefer in den Busch hinein. Die Piste war grosszügig betrachtet genau so breit wie unser Mitsubishi Pajero. Unser Ziel war der Betrieb seines Nachbarn Abdina Diedhiou.


Als wir ankamen, war Abdina nicht zu Hause. Seine Frau begrüsste uns und zeigte uns das Gelände: junge Zitronenpflanzen, Ananas, Hibiskus, acht Schweine und einen Eber.


Kurze Zeit später traf Abdina ein. Mit dem Fahrrad. Aus Gambia.


Er war über die Grenze gefahren, um Wasserhähne einzukaufen, weil sie dort günstiger waren.


Kein Stromanschluss. Wasser aus dem Brunnen. Und trotzdem stand bereits ein fertiger Hühnerstall für 100 bis 200 Tiere bereit. Während er die Schweine fütterte, hielt er gleichzeitig seine kleine Tochter Bettina auf dem Arm.


Zum Abschied gab er uns einen grossen Sack Orangen mit auf den Weg.

 

Mame Samba: Denken wie ein Agronom


 

Foto: Gemüsebeete bei Mame Samba Ndiaye – sorgfältig angelegte Mischkulturen, im Hintergrund Papayabäume.

 

Der technisch anspruchsvollste Betrieb, den wir besuchten, war der Hof von Mame Samba Ndiaye ausserhalb von Bignona.


Er arbeitet konsequent mit Mischkulturen. Auf jedem Beet wachsen mindestens drei verschiedene Pflanzenarten. Mais spendet Schatten für darunter wachsenden Sellerie. Das Ziel ist es, Krankheiten vorzubeugen und die Fruchtbarkeit des Bodens langfristig zu erhalten.


Die Bewässerung erfolgt über Tropfsysteme und ergänzend mit Giesskannen. In einer eigenen Aufzuchtstation wachsen Papayas, Bananen, Avocados, Mangos und Kokospalmen. Zwei Praktikantinnen kümmern sich um die Pflanzen, die sich in ausgezeichnetem Zustand befinden.


Mame vermittelt sein Wissen auch an andere Landwirte. Beim Vertrieb arbeitet er eng mit benachbarten Betrieben zusammen.


Zurzeit experimentiert er mit Fischzucht. Ein erstes Becken hat die Erwartungen noch nicht erfüllt. Deshalb plant er ein weiteres an einem anderen Standort, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Auch ein Gewächshausprojekt befindet sich in der Planungsphase. Weitere drei Hektaren Land, rund 80 Kilometer entfernt, stehen für eine mögliche Expansion zur Diskussion.


Noch funktioniert nicht alles. Seine neue Bewässerungspumpe benötigt mehr Energie, als die bestehenden Solarpanels liefern können. Er sucht deshalb entweder einen Techniker oder wird die Anlage weiterverkaufen.


Genau so sieht Unternehmertum aus, wenn man etwas von Grund auf aufbaut, ohne die finanziellen Sicherheitsnetze, die in Europa oft selbstverständlich sind.


Am meisten beeindruckte uns jedoch seine Denkweise. Er plant nicht nur für die nächste Saison, sondern für Systeme, Bodenqualität, Absatzmärkte und die kommenden fünf Jahre.


Das lernt man nicht durch einen Mikrokredit.


Das ist Charakter.

 

Der Fischstrand von Kafountine

Nicht jeder Moment dieser Reise spielte sich auf einem Bauernhof ab.


Eines Morgens liefen wir von unserer Unterkunft nach Kafountine und fanden uns plötzlich mitten in einer der intensivsten und eindrücklichsten Arbeitsszenen wieder, die wir je erlebt hatten.


Hunderte bunt bemalte Fischerboote lagen dicht an dicht im Sand. Fischer entluden ihren Fang direkt am Strand. Überall wurde sortiert, geschätzt, gezählt, bezahlt, diskutiert und erneut gezählt. Junge Männer transportierten Plastikbehälter im Laufschritt. Dicker Rauch stieg von den Trocknungsanlagen auf. Der Sand war schwarz von Asche und Glut. Unsere Kleidung roch noch Stunden später danach.


Dort begegneten wir Kofi aus Togo.


Er hatte einige Zeit in Winterthur gelebt und sprach mit grosser Wärme über die Berge zwischen Uri und Lausanne.


Wunderschön, sagte er.


Aber die Höhe habe ihm Schwindel bereitet. Je besser die Aussicht, desto unwohler habe er sich gefühlt.


Dieser Satz blieb uns beiden in Erinnerung.

 

Was geblieben ist

Zehn Tage reichen nicht aus, um einen Ort wirklich zu verstehen. Aber sie reichen aus, um eigene Annahmen zu hinterfragen.


Was uns geblieben ist, waren nicht die Armut, die Hitze oder die organisatorischen Herausforderungen. Nicht die falschen Versicherungsunterlagen, nicht das verlorene Telefon am Flughafen von Dakar und auch nicht die zweistündige Flugverspätung, die beinahe unseren Anschluss nach Madrid gekostet hätte. Das sind die Geschichten, die man später erzählt. Sie verändern jedoch nicht die eigene Sicht auf die Welt.


Was einen verändert, ist die Begegnung mit Menschen, die mit ihren eigenen Händen etwas aufgebaut haben. Auf schwierigem Boden, ohne Sicherheitsnetz und ohne Garantien. Menschen, die einem ihr Werk mit ruhigem Stolz zeigen. Ohne Selbstmitleid. Ohne Bitterkeit. Einfach mit den Worten: «Das habe ich geschaffen.»


Über Führung wird in den Kreisen, in denen sich Swiss Interim Management bewegt, viel gesprochen. In Verwaltungsräten, Geschäftsleitungen und Transformationsprojekten.


Im Senegal haben wir eine andere Form davon erlebt.


Menschen führen dort komplexe Betriebe unter anspruchsvollen Bedingungen. Sie treffen täglich Entscheidungen mit begrenzten Informationen und knappen Ressourcen. Und sie tun dies mit Würde, Grosszügigkeit und bemerkenswert viel Humor.


Die Früchte, die uns auf jedem Hof zum Abschied mitgegeben wurden, waren kein nebensächliches Detail. Sie spiegeln denselben Gedanken wider, der gute Führung überall auszeichnet: Man gibt weiter, was man hat.

 

Warum Swiss Interim Management dieses Engagement unterstützt

 

Swiss Interim Management begleitet Unternehmen in Phasen des Wandels und der Neuorientierung. Wir unterstützen Organisationen dabei, Veränderungen erfolgreich zu gestalten und zur richtigen Zeit die richtigen Persönlichkeiten mit der passenden Erfahrung einzubringen.


Unsere Partnerschaft mit Sénégalité basiert auf denselben Grundsätzen, wenn auch in einem anderen Umfeld.


Es geht nicht um Wohltätigkeit. Es geht nicht um Sichtbarkeit oder Image.


Es geht um ein langfristiges Engagement für ein Modell, das funktioniert, weil es auf Kompetenz, Eigenverantwortung und Vertrauen aufbaut. Auf der Überzeugung, dass Menschen mit den richtigen Werkzeugen und den notwendigen Möglichkeiten etwas schaffen, das Bestand hat und zu dem man gerne zurückkehrt.


Seit mehr als zehn Jahren begleiten wir dieses Projekt.


Und wir werden weiterhin zurückkehren.


Swiss Interim Management unterstützt das Mikrokreditprogramm von Sénégalité für Absolventinnen und Absolventen des Lycée Technique Agricole Emile Badiane in Bignona im Senegal.


Weitere Informationen finden Sie unter: www.senegalite.ch

 

 
 
 

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